Märchen Stiftsheim

Märchen erinnern – erleben und gestalten
Margarita Dettbarn, Erzähl- und Stimmkünstlerin

Wo – wie in der Demenz – die Worte verloren gehen und die Fähigkeit schwindet, eine zusammenhängende Sprache zu schaffen, lassen das Rezitieren und Erzählen vertrauter Inhalte sprachlichen Wohlklang und erleben. Gedichte und Märchen sprechen die Menschen durch ihre sprachliche und lautliche Ordnung und ihre Harmonien ganz unmittelbar an, vermitteln Vertrauen und Sicherheit inmitten eines sich zunehmend auflösenden Weltverstehens.

39Einem autistischen Mädchen etwa habe ich mindestens zehnmal dieselbe Geschichte erzählt, immer wieder, immer auf dieselbe Weise. Allmählich fasste es Vertrauen, spürte die Verlässlichkeit des Gehörten und konnte sich schließlich für Neues öffnen.
Beim Märchenerzählen geht es mir also um die Beziehung, die sich zwischen Erzähler und Zuhörer entwickelt. Ich kommuniziere mit meinen Zuhörern über die Bilder, die Laute und Redewendungen der Geschichte. Hierdurch übertragen sich die emotionalen Aussagen, die im Märchen angelegt sind und rufen ein Echo in ihnen hervor, auf das ich wiederum reagieren kann. Ich muss also immer dieselben Bilder erzeugen, bis es den Zuhörern gelingt, ihre eigenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen, selbst in das Erzählen eingreifen und so die Geschichten in ihrem Sinne weiterführen. Ich sehe das als „Erlösung“ aus der passiven, hinnehmenden Pose in die Rolle des selbsttätigen und gestaltenden Akteurs, des Partners.

45Damit das geschehen kann, muss ich frei und im Kontakt mit den Zuhörern und ihren Gefühlen und Äußerungen erzählen. Ich spreche also möglichst unmittelbar mein Publikum an und trage keine Brille, durch die ich ins dicke Buch gucke (wie das mitunter „Märchentanten“ inszenieren). Indem ich im steten Austausch mit den Teilnehmern bin, kann ich auf das Wiedererkennen und Erinnern reagieren, das sie mir anbieten. Dabei sind Pausen wichtige Bestandteile des Erzählens, eigenständige Instrumente im Prozess der Beziehungsentwicklung, bei dem die Zuhörer ihre Zeit brauchen, das Erzählte auf sich wirken und nachklingen zu lassen, bis sie selbst eingreifen können. Indem die Märchenerzählerin auf ihr Publikum reagiert, entsteht die Erzählung als gemeinsames Produkt. Vertrautes bleibt in Formen und Inhalten erhalten, in das aktuelle Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Wünschen eingefügt werden.
46Bei der Arbeit in der Tagespflegestätte am Stiftsheim war wichtig, dass die Gruppe nur aus fünf oder sechs Personen bestand (anfangs waren es zu viele Personen, als dass ich noch individuell auf die Einzelnen hätte eingehen können).

Beim Märchenerzählen setzte ich eine Reihe von „Medien“ ein. So bot die Marionette als „Rumpelstilzchen“ den Teilnehmern die Möglichkeit, mit mir und der Geschichte in Beziehung zu treten, ganz frei und ohne Vorgaben. Die Frauen schienen sich dabei leichter zu tun, die Männer wirkten eher verschlossen. Einer wehrte den engen Kontakt ganz ab, aber Herr B., der sonst kaum spricht, kommunizierte schließlich mit der Puppe, indem er u.a. ganz verschmitzt zu pfeifen anfing. Später sagte er: „Man wird wieder so lebendig, fühlt sich wie als junger Mensch.“ Der Prozess des gemeinsamen Erzählens weckte oft verschüttete Lebenskräfte und brachte die Empfindungen früherer Jahre zurück. Dabei blieb der Bezug zum Heute bestehen oder wurde vielleicht gar bewusster.

50Am Anfang der Treffen – manchmal auch dann, wenn eine Zäsur stattfinden sollte – improvisierte ich auf meiner Harfe. Sie stimmte die Menschen ein auf das, was kommen sollte. Die Münder öffneten sich, im Raum entstand ein Summen und Mitschwingen.
Die Eurythmie-Übungen verschafften den Teilnehmern Entlastung, die für die Demenz so typische Unruhe ließ nach und sie gewannen Kraft, um an dem, was um sie vorging, Anteil zu nehmen.Bei fast allen war die Krankheit schon weit fortgeschritten. Sie wirkten, wenn sie kamen bzw. gebracht wurden, ganz in sich zurück gezogen, in sich gekehrt. Einige schienen wie schlafend, sie dämmerten vor sich hin und waren in meiner Wahrnehmung immer präsent. Selbst wer sehr schwerhörig war, wurde erreicht und nahm irgendwie auf, was um ihn herum vorging. Das war dann an den oft sehr viel später erfolgenden Reaktionen erkennbar – ein gängiges Phänomen, diese Wachheit unter der scheinbaren Abwesenheit.

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Entscheidend ist die Haltung, mit der ich in die Gruppe gehe. Für mich hat jede Gruppe hat ein „Programm“, ein ihr zugrunde liegendes „Thema“, das es zu erspüren und hervorzulocken gilt. Je entspannter mein Herangehen ist, desto eher gelingt mir dies. Zwischen mir und der Gruppe stellt sich das Vertrauen ein, aus dem erst etwas wachsen kann. Die Ratio spielt da kaum eine Rolle, geht es doch vielmehr um die Reduzierung auf das Essenzielle, auf die zentralen Empfindungen und Erfahrungen, die uns das Märchen mitteilt und die von jedem verstanden und gefühlt werden können.

Bei dieser Arbeit braucht es einen gewissen „Mut zum Nichts“, damit etwas entstehen kann. Befreien wir uns vom Leistungsdruck, darf alles kommen, es muss aber eben auch nicht… Für keinen gibt es das Erlebnis eines Misserfolges, denn alles, was passiert, ist wichtig und trägt zum Gelingen bei.
Ich sehe meine Aufgabe darin, die Wege zu finden, die einem jeden ein Einklinken und ein Dabeisein ermöglichen.

Das Märchen vom Rumpelstilzchen kam mir in den Sinn, weil ich die Teilnehmer so stark in ihrer Vereinzelung wahrnahm. Wenn das Stroh zu Gold gesponnen wird, ist das auch ein Symbol dafür, dass aus den unverbundenen Menschen und ihren zerstörten und immer „leereren“ Hirnstrukturen wieder etwas Intaktes, Glänzendes und Kostbares Ganzes werden kann. Entsprechend gelang es uns, aus den Einzelheiten, die aus den Erinnerungen auftauchten, eine gemeinsame Geschichte zu spinnen, die über die vertrauten Archetypen des Märchens,
dem prahlenden Müller und Vater
dem König in seiner Gier nach Gold und Reichtum
der Müllerstochter als Opfer, das zugeben kann, etwas nicht zu können
hinausführte und individuelle Erfahrungsgehalte einband.Mit dem Einsatz der Klanginstrumente entstand etwas Überraschendes und Neues: So führte das Hufeisen eine Teilnehmerin zurück zu ihren Erinnerungen an den jungen Schmied, mit dem sie sich einst getroffen hatte. Das Klangholz wurde zur Uhr, die auf den Kirchturm schlug, die krachenden und lauten Geräusche von Trommel und ocean drum erzeugte das Gewitter, vor dem die beiden junge Leute im Wald Schutz gesucht hatten. Eine ganze Geschichte aus der Jugend kam da hervor, die alle anderen mit ihren Klanginstrumenten einbezog. Ein Teilnehmer fasste dieses Erlebnis einer geteilten Erfahrung, eines gemeinsamen erzeugten Sinns überraschend treffend in die Worte: „Wir machen jetzt ein Hörspiel.“

Zusammenfassung des Interviews von Angelika Trilling